28.02.2012 | unternehmer zeitung | Steffen Klatt, Interview mit Hans-Georg Bächtold, Generalsekretär SIA

Diskrete Urbanität

Städte werden wieder attraktiv. Doch das neue Wachstum muss nachhaltig ­gestaltet werden, sagt SIA-Generalsekretär Hans-Georg Bächtold. Dabei geht es nicht nur um die Senkung des ­Energieverbrauchs, sondern auch um die ­Erhöhung der Lebensqualität. Verdichtung und Freiraum schliessen einander nicht aus.

Steffen Klatt: Sie sind ursprünglich Forstingenieur gewesen. Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen dem Lebensraum Wald und dem Lebensraum Stadt?

Hans-Georg Bächtold: Es ist richtig, ich habe Forstwirtschaft studiert. Mich interessierten damals die Nachhaltigkeit und die Umwelt. Als ich 1980 zu studieren begann, gab es diese Fachrichtung noch nicht. Ich musste mich zwischen Biologie, Agronomie oder Forstwirtschaft entscheiden. Mich fasziniert der Spagat zwischen dem Naturwissen und dem Ingenieurwesen. Fünf Jahre später habe ich dann Raumplanung – also den Umgang mit dem Lebensraum der Menschen - studiert und bin an der ETH geblieben und habe vor allem in der Ausbildung gearbeitet.

Städte sind Eingriffe in die Natur, aber es braucht sie zwingend für unser Leben. Sie müssen daher nachhaltig gestaltet werden. Das ist eine der ganz grossen Herausforderungen der Berufsgruppen, die im SIA verbunden sind. Das sind die Architekten, die Bauingenieure, die Haustechniker und die Umwelt- und Lebensraumfachleute

Welche Herausforderungen stellen sich heute in den Städten?

Das sind drei Fragen. Die erste ist die nach der markanten Verbesserung der urbanen Wohn- und Lebensqualität. Die zweite Frage: Wie können wir das Energie- und das Mo­bilitätsproblem lösen. Die dritte: Wie können wir ein dichteres Wohnen erreichen? Wir wollen die Leute zurück in die Stadt holen. Dafür muss die Stadt attraktiver gemacht werden. Wenn man Energie sagt, fällt ins Gewicht, dass ein grosser Teil der Gebäude überaltert ist. Die Herausforderung stellen die vor 1985 erstellten Gebäude dar,  rund 80 Prozent aller Gebäude in der Schweiz. In Zahlen aus­gedrückt sind es etwa 1.5 Millionen Gebäude. Ein grosser Anteil davon steht auch in städtischen Gebieten. Das ist eine Chance.

Bei der energetischen Sanierung hat der SIA schon viel getan. Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand?

SIA hat sehr viel Lob für den Energieeffizienzpfad erhalten. Erstmals ist klar dargestellt worden, dass auf dem Weg einer zukünftigen Energieentwicklung nicht nur die Heizenergie relevant ist, sondern die gesamte Betriebsenergie, graue Energie und induzierte Mobilität als systemrelevant zu betrachten sind. Natürlich haben wir auch viel Kritik eingesteckt und viele Diskussionen haben stattgefunden und werden noch stattfinden. Immerhin waren wir Auslöser und Katalysator und das ist eine gute und dem SIA angemessene Rolle.

Wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Die Umsetzung ist jetzt im Gang. Energieeffizienz bei Neubauten ist relativ einfach. Die Herausforderung liegt bei den Umbauten. Der Effizienzpfad zeigt auf, wie man die Energieeffizienz über Jahre hinweg verbessern kann. Aber im Moment liegt die Erneuerungsrate bei Gebäuden bei 1,5 Prozent pro Jahr, und nur 0,7 Prozent werden energetisch verbessert. Das ist viel zu wenig.

Wie kann die Rate angehoben werden?

Das ist einerseits eine Frage der Ausbildung, und die werden wir angehen. Zudem: Der SIA arbeitet in den technischen Fragen mit sorgfältig ausgewählten Kommissionen, die die entsprechenden Berufsinstrumente – die Regeln des Bauens - erarbeiten. Aber es ist sicher auch eine Frage des politischen Willens. Es braucht politische Vorgaben, um die Städte zu erneuern. Dabei führt die Betrachtung des einzelnen Gebäudes nicht zum Erfolg. Das geht, wo es grössere Eigentümer hat, etwa Wohnbaugenossenschaften wie in der Stadt Zürich. Wir müssen ganze Quartiere erneuern. Nur so kann man gleichzeitig mit der Energieeffizienz auch die Freiraumqualität und die Siedlungsqualität verbessern. und auch die Mobilitätsfragen angehen. Fahrzeuge sind ja auch Stehzeuge, die viel Platz beanspruchen. Für Quartiererneuerungen gibt es bereits sehr gute Beispiele. Zu entwickeln sind noch Anreizsysteme.

Heisst es umgekehrt, dass die Erneuerung rasch an Grenzen stösst, wenn es viele Eigentümer gibt?

Das gilt es zu beachten. Es kommen im Moment etwa hunderttausend Menschen pro Jahr in die Schweiz. Gleich­-zeitig gibt es immer mehr Eigentümer, gerade auch Stockwerkeigentümer. Das macht die Sanierung städtischer Gebiete ausserordentlich schwierig: Es gilt mehr Menschen, mehr Nachbarn und mehr Grundeigentümer in den Prozess einzubeziehen und mitwirken zu lassen.

In welchem Verhältnis steht der ­Energieeffizienzpfad zu Minergie?

Die Bedeutung von Labels für Gebäude nimmt zu. Hier hält sich der SIA raus. Minergie ist ein Label für das Bauen, bei dem die Normen des SIA zur Anwendung gelangen. Zunehmend von Bedeutung für den Energieverbrauch ist aber nicht nur das Erstellen, sondern das anschliessende Nutzen und Bewirtschaften des Gebäudes. Da die Gebäudesubstanz langsam aber stetig ressourceneffizienter wird, gewinnen die Lage der Gebäude und die dadurch induzierte Mobilität an Bedeutung. Dank dem Energieeffizienzpfad des SIA, in dem die 2000-Watt-Gesellschaft auf die Anforderungen für Gebäude heruntergebrochen wird, kann nun auch die durch ein Gebäude verursachte Mobilität in die Nachhaltigkeitsbetrachtung einbezogen werden.

Mit dem Energieeffizienzpfad haben die Architekten jedenfalls das geeignete Instrument für die Energie­sanierung in der Hand?

Ja. Und dann kommt eben die Frage nach den Eigentümern und Investoren ins Spiel. Die müssen sich erstens fragen, was sie investieren sollen und welchen Nutzen sie davon haben. Die zweite Frage lautet, wie attraktiv ein saniertes Quartier danach ist. Früher galt ein Haus mit Privatgarten als attraktiv. Aber wollen das die Menschen noch? Ginge es nicht auch mit einem Fünf- oder Sechsgeschosser, in dem nicht mehr jeder Bewohner eine private Wiese vor dem Haus hat, aber dafür einen interessanten Balkon? Dafür gibt es hervorragende Beispiele.

Braucht es also nach den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts, der Gartenstadt des frühen und den Einfamilienhäusern des späten 20. Jahrhunderts ­wieder einen neuen Typ von Haus?

Es braucht eine «diskrete Urbanität». Man wohnt dicht und höher, aber nahe dem Freiraum. Und wenn die Leute dann nur noch 40 bis 50 Quadratmeter brauchen und nicht 80, wie das Bundesamt für Statistik für 2050 voraussagt, dann liessen sich unsere Konzepte umsetzen.

Lässt sich mit der «diskreten Urbanität» vermeiden, dass die Enge der Stadt zu einem Problem wird?

Es findet ein Umdenken statt. Die Menschen finden die Stadt wieder attraktiv, sie kommen zurück, auch mit Kindern. Jetzt muss man entsprechende Wohnungen erstellen und für hohe Lebensqualität sorgen.

Stimmt diese zunehmende Attraktivität auch für die Schweiz ausserhalb der grossen Agglomerationen Zürich und Genf-Lausanne?

Das stimmt zum Beispiel auch für Basel. Als ich 1998 als Kantonsplaner von Basel-Landschaft angefangen habe, beklagte sich die Stadt Basel über den Wegzug der Menschen. Jetzt wächst Basel wieder. Dafür wurden auch ­attraktive Wohnungen und gute Rahmenbedingungen geschaffen. Das ist in Solothurn, Aarau oder Olten nicht anders.

Wie lange wird der Aufschwung der Bauwirtschaft noch anhalten?

Er wird anhalten, weil der Bedarf und die Nachfrage bestehen. Aber es fehlt an kompetenten Fachleuten, zum Beispiel 15.000 Ingenieure und auch Bauleiter. Wir haben aufgrund unseres Ausbildungssystems viele gute Entwurfsarchitekten. Die Fachhochschulen sind heute Universitäten und konzentrieren sich nicht mehr aufs Bauen, sondern auch aufs Entwerfen. Diese Entwicklung müssen wir gut im Auge behalten und Lösungen erarbeiten.

Kann die Schweiz ihre Baukunst auch exportieren?

Das gibt es schon. Bekannte Architekturbüros wie Herzog&de Meuron, Roger Diener oder Valerio Olgiati haben keine Mühe, im Ausland zu bauen. Der SIA betreibt seit über einem Jahr im Auftrag des Bundes die Geschäftsstelle der Exportplattform ingenious-switzerland. Sie hat die Aufgabe, Architektur, Engineering und Design zu exportieren. Ziel ist es, dass unsere Fachleute auch im Ausland bauen können. Die Schweiz hat im Unterschied zu den umliegenden Ländern kein Architekturgesetz und keine Architektenkammer. Das erschwert das Bauen im Ausland. Die Exportplattform bietet Hilfe. Schweizer Büros sind stark etwa bei Tunnelbauten, bei Spitalbauten oder bei Herausforderungen im Bereich Cleantech und nachhaltigem Bauen.

Muss der SIA mit jedem einzelnen Land ein Abkommen abschliessen, um den Markt zu öffnen?

Das ist eine Möglichkeit. Mit der Bayrischen Architektenkammer haben wir das gemacht, auch mit der American Society of Civil Engineers, jetzt mit der Mongolei. Mit ­Italien, Singapur und Staaten in Südamerika bahnt sich etwas an.

Wenn also Schweizer Büros ins Ausland gehen wollen, können sie sich bei Ihnen melden?

Genau. Auch wenn die Büros in der Schweiz zurzeit gut ­ausgelastet sind, ist es dennoch für die kleine Schweiz mit Blick in die Zukunft sinnvoll, die Fühler ins Ausland auszustrecken. 

Ein Interview von Steffen Klatt mit Hans-Georg Bächtold, Generalsekretär SIA