24.02.2012 | tec21 | Claudia Schwalfenberg

Wer verantwortet Baukultur?

Qualität und Kosten so zu versöhnen, dass Baukultur entsteht, ist eine tägliche Herausforderung für alle am Bau beteiligten Partner. Wie der Spagat gelingt, beleuchtete ein Themenanlass im Rahmen der Veranstaltungsplattform Swissbau Focus am 19. Januar 2012 in Basel.

Die Frage nach Qualität und Kosten stellt sich je nach Perspektive anders. Ob Vertreter der öffentlichen Hand, Investor oder Banker: Die Balance ist fragil. So schwierig Qualität zu bestimmen ist, noch viel schwieriger ist die Antwort auf die Frage, wer letztlich die Verantwortung für das Entstehen von hochwertiger Baukultur trägt.

Planung und Politik
Stefan Bitterli, Zürcher Kantonsbaumeister von 1996 bis 2011, fokussierte in seinem Vortrag «Kostenzwänge aus Sicht der öffentlichen Hand» auf die Spannung zwischen Planung und Politik: Das kantonale Hochbauamt agiere unter dauernd wechselnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. In der öffentlichen Diskussion werde der Preis oft mit den Investitionskosten verwechselt, die gerade einmal 15 % der Lebenszykluskosten eines Gebäudes ausmachten. Kostenzwänge entstünden aber auch aus dem föderalistischen Steuerwettbewerb: Die markante Senkung der Steuern ohne gleichzeitige Definition und Durchsetzung von Verzichtspositionen habe zu einem Investitionsstau in Milliardenhöhe geführt. Als situative Aufforderung zu Optimierung und Innovation können Kostenzwänge laut Bitterli aber auch eine Chance sein. Den besten Return on Invest gebe es jedoch nicht zum Nulltarif: «Wir müssen mehr wollen als bloss bauen. Wir wollen und müssen auch Architektur schaffen.»

Ästhetik und Rendite
Stephan Gmür, von 1997 bis 2011 Leiter Immobilienprojekte der Helvetia Versicherungen, präsentierte zwei Projekte, um «Kostenzwänge aus Sicht eines Investors» zu veranschaulichen. Bei einer Sanierung der Siedlung Sunnebüel in Volketswil kamen vorfabrizierte Fassaden zum Einsatz. Im Zuge der Ausschreibung mit einer möglichen Kostenüberschreitung konfrontiert, sei entschieden worden, für eine der vier Fassadenschichten ein anderes Material zu verwenden als ursprünglich vorgesehen. Die Sanierung funktionierte zwar reibungslos, es zeigten sich aber schnell Kalkablagerungen. Nach der daraufhin erfolgten Öffnung der Fassade war klar, dass ungehindert Regenwasser eindrang und die Helvetia das Experiment abbrechen musste.
Bei der Überbauung Dietlimoos in Adliswil widerum glückte die Versöhnung von Ästhetik und Rendite zunächst ohne Abstriche. Durch eine Einsprache verzögerte sich die Realisierung jedoch fast um ein Jahr. Die Öl- und Stahlpreise explodierten, was einen Verzicht auf die ursprünglich vorgesehene Holzfassade und die geplanten Holz-Metall- Fenster erforderlich machte.

Finanzieren und Kontrollieren
Beat Röthlisberger, Leiter Bau- und Immobilienkunden der UBS Basel, brachte «Kostenzwänge aus Sicht eines Baufinanzierers» auf einen einfachen Nenner: Die UBS möchte zu keinem Zeitpunkt Eigentümerin von ihr finanzierter Immobilien werden. Ein wichtiges Belehnungskriterium ist deshalb der Anteil an Eigenkapital, der von 20 % für selbst genutztes Wohneigentum bis zu 50 % für Hotels und Restaurants variiert: «Es muss wehtun, wenn man ein Objekt aufgeben muss.» Für den Fall, dass es doch so weit kommt, rät Röthlisberger zwar zu einer hochwertigen Ausführung und einer modernen Energietechnik, aber nicht zu Luxus: «Mainstream is king!»
Das Primärziel für die finanzierende Bank sei die Bauvollendung. Um die Kosten im Griff zu behalten, setzt die UBS auf Kontrolle. Bauherrschaften empfiehlt Röthlisberger, neben dem Architekten oder dem GU einen separaten Bautreuhänder oder Bauleiter mit der Kostenkontrolle zu betrauen und ausserdem eigene Kontrollen durchzuführen. Auch die finanzierende Bank sei in der Pflicht, neben dem Baukredit periodisch den Baufortschritt zu kontrollieren.

Diskutieren und Verantworten

Wenn kurzfristige Überlegungen auf die Bautätigkeit der öffentlichen Hand einwirken, Investoren auf Rendite bedacht sein müssen und Baufinanzierer zum Mainstream drängen, wer steht dann für hochwertige Baukultur ein? In der abschliessenden, von der Autorin moderierten Podiumsdiskussion warnte SIA-Präsident Stefan Cadosch davor, die Verantwortung wie eine heisse Kartoffel weiterzugeben. Heiner Gossweiler vom Zentralvorstand des Schweizerischen Baumeisterverbandes warb darum, die ausführenden Unternehmen frühzeitig in die Planung einzubinden. Thomas Wachter, Präsident der Vereinigung Schweizerischer Innenarchitekten, kritisierte, dass Geld in eine Immobilienblase statt in Baukultur fliesst: «Wir sparen Kosten, aber die Preise steigen.»

Claudia Schwalfenberg, Verantwortliche Baukultur SIA