01.06.2012 | tec21 | Claudia Schwalfenberg

Konservative Kulturprovokateure

Schon lange hat kein kulturpolitisches Buch mehr die Gemüter so erregt wie «Der Kulturinfarkt». Die Aussagen zur Baukultur verharren allerdings weitgehend im Status quo.

Das im März erschienene Buch «Der Kulturinfarkt» von Pius Knüsel, dem scheidenden Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, und drei deutschen Kulturmanagern hat viel Kritik geerntet. Provokation war von Anfang an beabsichtigt. Das deutsche Magazin «Der Spiegel» kündigte ein Buch an, «das für Aufregung sorgen wird». Bereits im «Spiegel» gab sich die Viererbande revolutionär: «Die gesellschaftlichen Fliehkräfte sind ungeheuer. Nur in Kunst und Kultur darf sich nichts ändern. Tatsächlich sollte aber nichts so bleiben, wie es ist.» Für Aufregung sorgte vor allem die Forderung nach einem Rückbau der «vorhandenen institutionellen Strukturen der geförderten Kultur», zugespitzt in der Frage: «Die Hälfte?»

Die Aussagen zur Kulturpolitik im Buch selbst sind dann teilweise das Gegenteil von revolutionär. Die Kommentare zur Baukultur zumindest bewegen sich im Altbekannten, obwohl die Autoren auch im Buch beklagen: «Allein in der Kultur geht es immer nur um Vergangenheit, um Strukturerhaltung und moralische Selbstverteidigung.»

Architektur als Verkörperung von Immobilität
An zeitgenössischer Baukultur nehmen Pius Knüsel und seine Mitautoren nur Architektur ins Blickfeld, andere Disziplinen wie die Ingenieurbaukunst scheinen keiner näheren Betrachtung wert. Und auch Architektur kommt nur am Rande vor. Die Begriffe «Architekturmarkt» und «Architektur» dienen wenige Male der Konkretisierung der Ausdrücke Kulturwirtschaft, Kreativwirtschaft und Kulturindustrie. Die Kritik an der Immobilität des Kulturbetriebs überführen die Infarktdiagnostiker sodann in eine Kritik an «einer skulpturalen Architektur, welche die Kunst durch die Hülle ersetzt, die sie beherbergen will». Statt revolutionär zu sein, trauern die Autoren einem Paradigma von Museumsarchitektur aus dem letzten Jahrhundert hinterher: der Vorstellung von Museumsarchitektur als Hülle, deren Wände sich selbst negieren und so ideale Bedingungen für ein Kunstwerk schaffen sollen. Das ist ein klassischer Fall von Kulturpessimismus, selbst wenn die mangelnde Funktionalität mancher Museumsbauten in der Tat fragwürdig ist. Was an der Aussage von Knüsel et al. aber eigentlich irritiert, ist die Suggestion, dass in Architektur als Immobilie die Immobilität des Kulturbetriebs bereits im Kern angelegt ist. «Die Unantastbarkeit der kulturellen Infrastruktur» geht über «die hohe Wertschätzung von gebauter Struktur» nahtlos über in «die Institution als physische Struktur».

Dem Seitenhieb auf Hadid & Co. geben die Autoren mehr Raum als der einzigen zusammenhängenden Würdigung von Architektur, die sich in dem 287-seitigen Buch auf zwölf Zeilen beschränkt; Zeilen, die den Status quo der eidgenössischen Kulturpolitik bestätigen. Die Kulturprovokateure subsumieren Architektur unter Design, was einer langjährigen Praxis des Bundesamtes für Kultur entspricht. Die Autoren vertreten zugleich die Auffassung, dass Architektur «am wenigsten der Förderung bedarf», was die vom SIA kritisierte Vernachlässigung zeitgenössischer Baukultur in der eidgenössischen Kulturpolitik ebenfalls bestätigt. Und auch das Bekenntnis zu «öffentlicher Diskussion und öffentlicher Anerkennung» in Form von Architekturmuseen und Preisen ist alles andere als revolutionär. Bereits unterstützt das Bundesamt für Kultur das Schweizerische Architekturmuseum (wenn auch mässig), und Architekturschaffende dürfen sich schon heute über eidgenössische Kunstpreise freuen. 

Denkmalschutz im Sinne der Nutzung
Ganz in der Tradition der hohen Wertschätzung des gebauten Erbes widmen die Autoren dem Denkmalschutz, den sie als «unbestrittene hoheitliche Domäne» sehen, ein eigenes, neunseitiges Kapitel. Hier sprechen sie sich für eine stärkere Gewichtung einer ästhetischen gegenüber einer historischen Betrachtung des Überlieferten aus: «Auch in einer Demokratie gibt es das Hässliche und das Schöne.» Die ästhetische Beurteilung des baulichen Erbes ist aber keine Neuerung, sondern ein Rückgriff auf ein älteres Denkmalkonzept, abgesehen davon, dass sich die Vorstellung des Schönen wandelt. Die Kulturprovokateure fordern ausserdem eine stärkere «Verbindung von Erhalt und Nutzen», die dem seriösen Denkmalschutz schon längst ein Anliegen ist. Neu wäre allenfalls die Verabsolutierung der Nutzung: «Erhalt ohne Nutzung würde nicht gestützt.» Neu wäre auch die Auslagerung der Beratung von Grundeigentümern und Investoren an Subunternehmer. Ob die Trennung der hoheitlichen und der beratenden Aufgaben von Denkmalschützern zu der gewünschten stärkeren Berücksichtigung der Interessen von Wirtschaft und Nutzern führen würde und nicht eher zum Gegenteil (weil  die Kontaktflächen kleiner werden), ist eine andere Frage.

Lebensmodell Ingenieur?
Auch mit ihrer «Forderung nach mehr Naturwissenschaft » in der Bildung rennen Knüsel und seine Mitstreiter offene Türen ein. Was gibt es nicht schon alles an Initiativen, um Fachkräfte für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kurz MINT, zu gewinnen! Und Szenografen haben den MINT-Bereich längst als Markt für sich entdeckt. Das Büro beier + wellach hat zum Beispiel eine interaktive Marsausstellung für Kinder ab vier Jahren entwickelt, die durch Shoppingcenters in Deutschland tourt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Aus Sicht von Ingenieuren und Architekten ist es äusserst erfreulich, wenn hochrangige Vertreter des Kulturbetriebs den Wert von Naturwissenschaft und Technik würdigen. Neu oder gar revolutionär ist das aber nicht. Die Werbung für das Lebensmodell des Ingenieurs wird zudem unglaubwürdig, wenn die Kritik am aktuellen Kulturbetrieb mit dem Ingenieurhaften assoziiert wird, sprich mit «Ingenieuren der ‹neuen Kulturpolitik›» in Verbindung gebracht wird oder mit dem «Prinzip des Social Engineerings» in China.

Selbst wenn das Buch den innovativen Ansprüchen seiner Autoren nicht immer gerecht wird, wäre es dennoch gut, wenn die geforderte Auseinandersetzung über die Prioritäten der Kulturpolitik in Gang käme.

Claudia Schwalfenberg, Verantwortliche Baukultur SIA