11.01.2013 | tec21 | Claudia Schwalfenberg

Bausünden, Glück und Heimat

Bausünden als Inbegriff von Leben, Veränderung und Verantwortung einerseits, Denkmalpflege und Architektur als Verkörperung von Tod, Starre und Entmündigung andererseits: Pius Knüsel zeichnete bei der Herbst-Plenarversammlung von Bauenschweiz ein streitbares Bild der gegenwärtigen Baukultur.

Eine Stunde zur Baukultur: Bauenschweiz, die Dachorganisation der Schweizer Bauwirtschaft, wagte sich am 15. November 2012 in Bern auf ungewohntes Parkett. Auf Initiative des SIA sprach Pius Knüsel, der ehemalige Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, «Von der Lust an der Bausünde». Seine Erfahrungen als Eigentümer eines um 1870 erbauten und 2012 unter Schutz gestellten Arbeiterhauses bildeten seine Perspektive auf die gegenwärtige Baukultur. Sein Interesse, das Haus aus dem Schutzinventar zu entlassen, begründete er mit dem Wunsch nach Vielfalt: «Nicht jede Veränderung im Quartier ist schön, passend, wohltuend. Es gibt alte und neue Bausünden. Aber gerade das ist es, was die Lebendigkeit ausmacht.» Die Schutzverordnung bedeute dagegen mehr Bürokratie, die Knüsel als «Entmündigung in Raten» bezeichnete. Seine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber dem Staat und insbesondere staatlicher staatlicher Kulturförderung bestimmte auch seine Sicht auf das im Juni 2011 vom SIA und weiteren Akteuren der Baukultur veröffentlichte Manifest zur Baukultur (vgl. www.sia.ch > Themen/Baukultur). Pius Knüsel wertete das Manifest als «Suche nach einem Zugang zum Subventionstopf».

Die drei Problemkreise der zeitgenössischen Baukultur

Schon fast einen Offenbarungscharakter sprach Knüsel dagegen dem Beitrag von Miroslav Šik an der Architekturbiennale Venedig im vergangenen Sommer zu. Unter der Überschrift «Und jetzt das Ensemble!!!» bespielte Šik dort den Schweizer Pavillon – übrigens klassische staatliche Kulturförderung, und zwar erstmals unter der Ägide von Pro Helvetia, die Knüsel zu diesem Zeitpunkt noch leitete. Die von Knüsel gelobte Skepsis gegenüber ikonenhafter Architektur und Starkult war vielleicht eine Entdeckung für den einen oder anderen Venedig-Reisenden, ist aber keine neue Erkenntnis von Šik. Der Bilbao- Effekt, den Knüsel als «Effekt der Entfremdung » brandmarkte, geniesst schon lang einen zweifelhaften Ruf.
Insgesamt identifizierte Pius Knüsel drei Problemkreise der gegenwärtigen Baukultur: erstens eine Dominanz der Vergangenheit, zweitens die Herrschaft von «Egomanie» in der Architektur, die im öffentlichen Bau mit einer «Dominanz der skulpturalen Architektur » und im Gewerbebau mit einer «Dominanz der rationellen Architektur» sowie «toten Zwischenräumen» einhergehe, und drittens die Raumplanung, die am Föderalismus leide.

Zeitgenössische Baukultur in der Politik zum Thema machen

In seiner Replik legte SIA-Präsident Stefan Cadosch die drei grundsätzlichen Anliegen des Runden Tischs Baukultur Schweiz dar: Baukultur bewahren, fördern und vermitteln. Die zeitgenössische Baukultur fehle in der politischen Landschaft gänzlich und müsse deshalb überhaupt erst zum Thema werden, so Cadosch. Zwar betonte der Präsident des SIA, dass Baukultur immer einen Zweck erfüllen müsse, zugleich verteidigte er aber die künstlerische Dimension des Entwurfsprozesses und die soziale Funktion von Ikonen. Mit Blick auf den Tagungsort Bern bemerkte er, dass Ikonenhaftigkeit zwar nicht die Bauszene bestimme, aber dennoch ein Bauwerk immer herausragen werde – in diesem Fall das Münster. Zumindest in einem Punkt herrschte in der anschliessenden Podiumsdiskussion Übereinstimmung. Der Raum für baukulturelle Innovationen in der Schweiz sei physisch und mental eng, so Knüsel: «Hier darf man etwas Gas geben.»

Ängste und Heimatgefühl

Innovative Lösungen wünschte sich Nationalratspräsident Hansjörg Walter in der abschliessenden Gastrede vor allem für den Wohnungsbau. Die Angst der Schweizer Bevölkerung «vor der Zerstörung von Landwirtschaftsboden » sei eine Herausforderung für den Bausektor. Deshalb gelte es, innerhalb der Bauzonen alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Walter lobte die junge Architektengeneration, deren Wohnungsplanung die Bedürfnisse und Erwartungen der Bewohnerinnen und Bewohner in den Mittelpunkt stelle. Abschliessend betonte der Nationalratspräsident den hohen Beitrag, den die Baukultur zur Lebensqualität leistet: «Für unser Glück und unser Heimatgefühl ist das Umfeld, in dem wir leben, von entscheidender Bedeutung.»

Claudia Schwalfenberg, Verantwortliche Baukultur SIA

 

Manifest zur Baukultur

Die Altstadt von Bern: Sinnbild für das erfolgreiche Bewahren des baukulturellen Erbes, aber auch für den physisch und mental engen Raum für baukulturelle Innovationen. (Foto: Bern Tourismus)

Pius Knüsel

Stefan Cadosch