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Am 19. Juni 2015 verabschiedeten National- und Ständerat mit der Kulturbotschaft 2016-20 das neue Politikfeld Baukultur. Fünf Jahre nachdem der SIA den Runden Tisch Baukultur Schweiz lanciert hat, wird Baukultur offiziell Kultur.

Sechstes Dîner Baukultur

Dass alles fliesst, wissen wir seit der Antike. Wie sich Architektur und Arbeitsplätze heute auflösen, erfuhren die Gäste des diesjährigen Dîner Baukultur am 20. Juni beim Besuch von Swiss Re Next in Zürich. Roger Diener erläuterte eingangs, dass am Mythenquai nicht ein weiterer fester Block geschaffen werden sollte, sondern ein Haus, das dank seiner ondulierten Glasfassade atmet: «Das Haus löst sich auf, verschwindet vor der Baumkulisse und trägt so der erhöhten Bedeutung des landschaftlichen Raums Rechnung.» Ein wesentliches Anliegen des Neubaus, der ein Bürogebäude von Stücheli Architekten aus den 1960er-Jahren ersetzt, war es, die Anzahl der Arbeitsplätze von 450 auf 1100 mehr als zu verdoppeln und ausserdem eine völlig andere Kommunikation untereinander zu ermöglichen.

Visualisierung: Diener & Diener Architekten, Basel

Fünftes Dîner Baukultur

Zahlreiche Parlamentarier und Mitglieder des Runden Tischs Baukultur Schweiz kamen am 22. Juni 2016 zum Dîner Baukultur nach Basel, um den Roche Tower von Herzog & de Meuron zu besichtigen.

Mit seiner Höhe von 178 Metern setzt der Roche Bau 1 nicht nur einen neuen Massstab für Basel, sondern löst auch den Prime Tower in Zürich als bisher höchstes Gebäude der Schweiz ab. Michael Fischer, Partner bei Herzog & de Meuron, sowie Jürg Erb-Tanner, Standortarchitekt von Roche, gewährten spannende Einblicke in die Entstehung und das architektonische Konzept des Roche Towers. Aufbauend auf der architektonischen Identität, die Otto Rudolf Salvisberg 1937-40 mit seinen Gebäuden und dem Masterplan für das Roche-Areal schuf, entwickelten Herzog & de Meuron fast vierzig verschiedene Vorschläge für das Bürohochhaus. Gemeinsam mit Roche entschieden sie sich schliesslich für einen regelmässig abgetreppten Turm. Ein auskragendes Volumen im Erdgeschoss beherbergt Sondernutzungen. Zuoberst gewährt die Pebbles Lounge grandiose Ausblicke über Basel und das Umland. Der Verbindung von Geschossen und Menschen dienen Wendeltreppen sowie Kommunikationszonen mit Teeküchen und Terrassen. Ein überhoher Lift wirkt Platzangst entgegen.


Bundesamt für Kultur benennt Handlungsfelder

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur, erläuterte am 8. September 2015 bei einem Sessionsanlass des SIA in Bern, wie sie das neue Politikfeld Baukultur auf- und ausbauen möchte. Noch in diesem Jahr wird eine interdepartementale Arbeitsgruppe einberufen, in der alle Bundesämter und -stellen vertreten sind, die Einfluss auf den gestalteten Lebensraum nehmen. Über einen Beirat soll ausserdem externes Know-how in die Strategie einfliessen.

Gleich zwölf Parlamentarier informierten sich über die geplante Umsetzung der Kulturbotschaft 2016-20: Matthias Aebischer (SP), Jacqueline Badran (SP), Beat Flach (GLP), Felix Gutzwiller (FDP), Philipp Hadorn (SP), Markus Hausmann (SVP), Maja Ingold (EVP), Hans Killer (SVP), Giovanni Merlini (FDP), Martina Munz (SP), Kathy Riklin (CVP) und Silva Semadeni (SP).

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur (Mitte), erläutert, wie sie das neue Politikfeld Baukultur auf- und ausbauen möchte. Rechts SIA-Präsident Stefan Cadosch, links Claudia Schwalfenberg vom SIA. (Fotograf: Philipp Zinniker)

viertes dîner baukultur

Das Dîner Baukultur fand 2015 im Haus der Religionen in Bern statt. Stefan Graf von bauart Architekten erläuterte, wie das städtebauliche Projekt in einem über zehnjährigen Dialog mit vielen Parteien entstand. Neben dem Haus der Religionen als Motor umfasst es auch den Europaplatz, Detailhandel, Gastronomie und Wohnungen.

Der öffentlichste Bereich des Hauses der Religionen ist der Dialogbereich. Hier treffen sich die Religionen und in diesen Bereich können sie ihre eigenen Räumlichkeiten ausdehnen. Fünf Religionen besitzen einen privaten Gebetsbereich, dessen Türen sich jeweils nur von innen öffnen lassen und dessen Innengestaltung die jeweiligen Gruppen selbst verantworten: Aleviten, Buddhisten, Christen, Hindus und Muslime. Am Dialog der Religionen beteiligen sich ausserdem drei Gruppen, die keine eigenen Räume im Haus der Religionen haben: die Jüdische Gemeinde, die Bahá’í und die Sikh.

David Leutwyler, Geschäftsleiter des Vereins der Religionen betonte, dass das Haus der Religionen eine breite Öffentlichkeit auch jenseits der acht Religionen anvisiert. Das Haus der Religionen zeigt, welchen Beitrag zeitgenössische Baukultur zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet.

Imam Mustafa Memeti empfängt die Gäste des Dîner Baukultur in der Moschee im Haus der Religionen in Bern. (Fotograf: Philipp Zinniker)

Die Schweiz als grosser Garten

Bei einem Sessionsanlass am 18. September 2014 in Bern standen die Forderungen des SIA zur Kulturbotschaft 2016-19 und das Gespräch mit den Nationalräten im Mittelpunkt. Landschaftsarchitekt Stefan Rotzler sprach zur kulturellen Bedeutung öffentlicher Freiräume. Die Nationalräte Jacqueline Badran (SP), Heinz Brand (SVP), Jacqueline Fehr (SP), Beat Flach (GLP), Anne Mahrer (Grüne), Kathy Riklin (CVP) und Alec von Graffenried (Grüne) vertraten das Parlament.

Die Schweiz als grosser Garten: Landschaftsarchitekt Stefan Rotzler erläutert Parlamentariern sein Konzept der Schweiz als grosser Garten. (Fotograf: Philipp Zinniker)

drittes dîner baukultur

An die Vorfahren anzuknüpfen und gleichzeitig weiterzustreben ist nicht nur eine Kernidee von Olympia. Den Respekt vor dem Erbe mit seiner Transformation in die Gegenwart zu verbinden, ist auch die zentrale Herausforderung für anspruchsvolle Umbauten. Wie das beim Olympischen Museum gelang, erläuterte die Architektin Doris Wälchli beim dritten Dîner Baukultur am 24. Juni 2014 in Lausanne. Das Dîner Baukultur fand erstmals in der Romandie statt. Mit dem Olympischen Museum in Lausanne stand ausserdem erstmals ein Umbau auf dem Programm.

Beim abschliessenden Essen, das beim Dîner Baukultur traditionell die Führung abrundet, betonte SIA-Präsident Stefan Cadosch, dass jede Generation das bestehende baukulturelle Erbe überschreibe – wobei Respekt vor vorhandenen Qualitäten und neuen Ideen zu einer Synthese finden müssten. Herzlich dankte er den Parlamentariern: Sie hätten durch ihr entschiedenes Nachhaken dazu beigetragen, dass der Bundesrat in der nächsten Kulturbotschaft erstmals das neue Politikfeld Baukultur verankern wird.

Architektin Doris Wächli (vorn rechts) führt die Gäste des Dîner Baukultur durchs Museum. In der Mitte Nationalrätin Anne Mahrer und Nationalrat Philipp Hadorn. (Foto: Philipp Zinniker)

baukultur als neues politikfeld

Das bauliche Erbe ist unbestrittenermassen eine Quelle für zeitgenössische Architektur und Ingenieurbaukunst. Dies erklärt freilich nicht, weshalb die eidgenössische Kulturpolitik zwar Heimatschutz und Denkmalpflege fördert, nicht aber das aktuelle Baukulturschaffen. Um zeitgenössische Baukultur als neues Politikfeld zu befördern, lud der SIA am 24. September 2013 zu einem Sessionsanlass für National- und Ständeräte nach Bern ein.

Hans-Georg Bächtold (links), Geschäftsführer SIA, und Stefan Cadosch (rechts), Präsident SIA im Gespräch mit Nationalrätin Jacqueline Badran und Ständerat Stefan Engler (Foto: Manuel Friederich)
Jürg Conzett (Foto: Manuel Friederich)

zweites dîner baukultur

Sieben Nationalräte folgten am 26. Juni 2013 der Einladung des SIA zum zweiten Dîner Baukultur. Stefan Marbach, Seniorpartner von Herzog & de Meuron, führte durch die neue Halle der Messe Basel. Die nach Basel geeilten Nationalräte vertraten das bürgerliche und linke Spektrum: CVP/CSP (Kathy Riklin und Karl Vogler), FDP (Daniel Stolz), GLP (Beat Flach), GPS (Alec von Graffenried) sowie SP (Beat Jans und Susanne Leutenegger Oberholzer). Die Parlamentarier erfuhren, wie es gelingt, einen neuen Massstab in der Stadt zu setzen. Der Architekt Stefan Marbach betonte, dass die Grösse der neuen Halle eine Veränderung im gesamten Umfeld der Messe Basel auslöst. Die lamellenartige Aluminiumfassade der beiden oberen Geschosse durchbreche den Massstab der 400 Meter langen Halle und orientiere sich stark an den Lichtverhältnissen. Herzog & de Meuron ging es darum, „Stadt und Himmel“ hineinzunehmen, so auch bei der City Lounge, die den Messeplatz überdeckt und sich durch einen trompetenartigen Lichtkegel in der Mitte zum Himmel öffnet, um möglichst viel Tageslicht einzufangen. Die Hallenräume sind dagegen bewusst dunkel gestrichen. Hier sind die Messeobjekte der Star.

Kantonsbaumeister Fritz Schumacher ergänzte, dass die City Lounge auch an messefreien Tagen als belebter Ort für die Stadt funktionieren soll und wünschte sich vom Bund ein Städtebauförderungsgesetz, weil bisher Instrumente für die Verdichtung fehlten. Messechef René Kamm zeigte sich als „100-prozentig zufriedener Bauherr.“ Die neue Halle entstand in nur 22 Monaten Bauzeit pünktlich zur diesjährigen Ausgabe der internationalen Uhren- und Schmuckmesse Baselworld und blieb im Kostenrahmen von rund 400 Millionen Franken. Ausserdem vergleichen Kritiker die Himmelstrompete der City Lounge mit Werken des Lichtkünstlers James Turrell.

Beim anschliessenden Dîner würdigte SIA-Präsident Stefan Cadosch zwei parlamentarische Vorstösse zugunsten zeitgenössischer Baukultur aus dem zurückliegenden Jahr. Für den SIA ist es ein zentrales Anliegen, dass zeitgenössische Baukultur einen eigenen Platz in der nächsten Kulturbotschaft und mittelfristig auch im zugrunde liegenden Kulturförderungsgesetz erhält. „Ein bisschen zeitgenössische Baukultur unter Heimatschutz und Denkmalpflege oder unter Kunst und Design reicht nicht.“, so das Fazit von Stefan Cadosch.

Fotos von Philipp Zinniker
Architekt Stefan Marbach im Gespräch mit Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer
Nationalräte Beat Jans (rechts) und Daniel Stolz (links) im Gespräch mit Kantonsbaumeister Fritz Schumacher (Mitte)

denkmalschutz versus zeitgenössische baukultur

Um den Dialog über Baukultur weiter aufzubauen, bat der SIA am 19. September 2012 zum Sessionsanlass „Denkmalschutz versus zeitgenössische Baukultur?“ ins Hotel Bellevue Palace in Bern. Vor Parlamentariern und Fachleuten entwickelte Roger Diener dort sechs Thesen zur Pflege der Baukultur (s. Download rechts).

SIA-Präsident Stefan Cadosch kritisierte: «Indem der Bund die zeitgenössische Baukultur in seiner Kulturpolitik bisher marginalisiert, entzieht er der Diskussion über den gestalteten Lebensraum, der nachhaltigen Raumnutzung und den damit verknüpften Herausforderungen die wertvollsten Fundamente.» Es sei Aufgabe von Parlament und Behörden, im Rahmen der Kulturbotschaft 2016-2019 entsprechende Korrekturen vorzunehmen. Die Schaffung eines spezifischen Preises für zeitgenössische Baukultur, die finanzielle Unterstützung des Schweizerischen Architekturmuseums oder die Unterstützung von Spacespot, dem Verein zur Sensibilisierung für den gestalteten Lebensraum, könnten erste Schritte sein (s. auch Download rechts).

Architekturführer Basel, Herausgeber S AM, 1996. Photo: Diener & Diener

Erstes Dîner Baukultur

Gleich 15 Nationalräte folgten am 18. Juni 2012 der Einladung des SIA zum ersten Dîner Baukultur, einem neuen Forum für den Austausch zwischen kulturinteressierten Parlamentariern einerseits und Exponenten der Baukultur andererseits. Die Architekten Annette Gigon und Mike Guyer führten durch den Prime Tower Zürich. Anschliessend begrüsste SIA-Präsident Stefan Cadosch zum Dîner im Restaurant Clouds, zuoberst im höchsten Gebäude der Schweiz, 120 Meter über Boden mit grandioser Aussicht auf die Stadt.

Angesichts des Wettstreits um die Aufmerksamkeit der Parlamentarier, die mit attraktiven Einladungen geradezu überschüttet werden, war selbst die mitveranstaltende Parlamentarische Gruppe Kultur überrascht über den grossen Zuspruch zur Premiere des Dîner Baukultur. Die Nationalräte vertraten das gesamte politische Spektrum: BDP (Rosmarie Quadranti und Lothar Ziörjen), CVP (Kathy Riklin), EVP (Maja Ingold), FDP (Andrea Caroni), GLP (Beat Flach), GPS (Alec von Graffenried), SP (Evi Allemann, Jacqueline Fehr, Philipp Hadorn, Martin Naef und Silva Semadeni) sowie SVP (Heinz Brand, Hans Killer und Maximilian Reimann).

Die Parlamentarier erhielten einen Einblick in die städtebauliche Situation des Prime Tower mit den Annexbauten Cubus und Diagonal, in das von den Wirtschaftsprüfern Ernst&Young genutzte Bürogebäude Platform mit lichdurchflutetem Atrium, Kundenlobby und Restaurant sowie in mehrere Geschosse der im Prime Tower angesiedelten Anwaltskanzlei Homburger mit Kunstwerken von Olafur Eliasson, Beat Zoderer und Glen Rubsamen. Beim anschliessenden Dîner betonte Stefan Cadosch, dass der SIA sich weiterhin dafür einsetzen wird, die zeitgenössische Baukultur in der nächsten Kulturbotschaft des Bundes zu verankern. Um das öffentliche Gespräch über Baukultur neu zu beleben, hat der SIA vor gut zwei Jahren den Runden Tisch Baukultur Schweiz ins Leben gerufen. Als Mitveranstalter war der Runde Tisch beim Dîner Baukultur durch jeweils zwei Planerverbände, Institutionen des Denkmalschutzes, Archive und Bundesämter sowie den Städteverband vertreten.