04.10.2013 | tec21 | Stefan Cadosch

Kommentar des Präsidenten

Vor vier Jahren hat der SIA seine Mitglieder dazu aufgefordert, die Löhne ihrer Angestellten anzuheben (vgl. TEC21 36/2009). Der Appell richtete sich damals vor allem an die Architekturbüros, deren Angestellte laut Lohnerhebung 2009 eine Reallohneinbusse von -0.3 % zu verschmerzen hatten (dagegen schnitten zum Beispiel die Bauingenieure mit +5.5 % besser ab). Laut der nun vorliegenden Lohnerhebung 2013 hat der durchschnittliche Gesamtlohn in Architekturbüros, wenn auch nicht im Umfang wie gewünscht, um 2.9 % zugenommen.

Bei den Chefbauleitern sind es sogar +5.3 % und bei den Zeichnern +10.4 %. Das stimmt zuversichtlich, denn gerade bei diesen zwei Funktionen ist ein akuter Fachkräftemangel zu verzeichnen. Hingegen kommen die Projektleiter und Projektleiterinnen von Grossprojekten, die gleichwertig oder sogar noch besser ausgebildet und erfahren sein müssen, mit einer Lohnreduktion von -5.3 % erneut überhaupt nicht gut weg.

In den Bauingenieurbüros wurde seit 2009 der durchschnittliche Gesamtlohn über alle Funktionen hinweg um 1 % gesteigert. Das ist noch weniger als bei den Architekten. Wenn man aber bedenkt, dass die Bauingenieure 2009 den grössten Sprung gemacht haben, wurde hier in den vergangenen sieben Jahren noch immer eine doppelt so grosse Erhöhung erlangt wie in den Architekturbüros.

Insgesamt lassen die Ergebnisse der Lohnerhebung 2013 aufatmen. Trotzdem muss ich die Aufforderung meines Vorgängers aus dem Jahr 2009 auch heute wiederholen. Nach wie vor muss es insbesondere das Anliegen der Architekten sein, die Löhne ihrer Angestellten nach besten Möglichkeiten weiter anzuheben. Geschlossen und noch hartnäckiger müssen wir deshalb für angemessene Honorare eintreten.

Vor allem aber müssen die Büros – und dies betrifft nicht nur die Architektur-, sondern in erster Linie die Ingenieurbüros – aus der Abwärtsspirale herausfinden, sich bei Honorarofferten laufend und bis aufs Letzte gegenseitig zu unterbieten. Ansonsten bleibt in Zukunft noch weniger Quantifizierbares, das angestellten Architekten und Ingenieuren angeboten werden kann, und besteht die akute Gefahr, dass immer mehr qualifizierte Fachleute aus unseren Berufen abwandern.

Akuten Handlungsbedarf fördert die aktuelle Lohnerhebung aber vor allem andernorts zutage. Die erstmals separate Erhebung der Löhne von Frauen und Männern hat gezeigt, dass Frauen in fast allen Fachbereichen und Funktionen tiefere Löhne erzielen als ihre Kollegen. Spätestens ab Kaderstufe sind sie massiv untervertreten. Hier vergibt sich die Branche fahrlässig ein sehr grosses Fachkräftepotenzial!

Auf der Grundlage des Projekts «SIA – der fortschrittliche Berufsverband»  will der SIA deshalb Handlungsempfehlungen ableiten für die gezielte Förderung von Frauen, Chancengleichheit, geschlechtsneutrale Löhne und flexible Jobmodelle – was im Übrigen mittlerweile auch vielen qualifizierten Männern entgegenkommen würde.

Stefan Cadosch, Architekt und Präsident des SIA

SIA – der fortschrittliche Berufsverband

Medienmitteilung, Lohnerhebung 2013, 1.10.13

Benchmarking

Artikel TEC21, SIA-Lohnerhebung 2013, David Fässler & Christian Zumstein, 4.10.13