23.01.2013 | neue zürcher zeitung nzz | Luzius Theler

Ansporn für das andere Wallis

Der Wakker-Preis für die Stadt Sitten kommt zur guten Zeit

In Zeiten, da sich der Kanton Wallis an der Eidgenossenschaft ob Fragen des Zweitwohnungsbaus und der Raumplanung in aller Härte reibt, ist die Verleihung des Wakker-Preises an die Kantonshauptstadt ein wohltuender Kontrapunkt. Es gibt neben dem bautouristischen Wallis mit seiner Nicht-Architektur, den folkloristischen Pseudo-Chalet-Fassaden und den zu oft geschundenen Ortsbildern noch das andere, das urbane Wallis. Die Kantonshauptstadt Sitten gilt als Symbol dieser couragierten Modernität.

Das hat seinen Ursprung in raum- und ortsplanerischen Weichenstellungen der jüngeren Vergangenheit. Diese Neuausrichtung findet nun durch den Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes Anerkennung: Der Planta-Platz beim Regierungsgebäude in seiner weiten Schlichtheit, die weitgehend autofreie und darum flaneurgerechte Innenstadt beim Grand Pont, die südliche Anmutung des lichten, geräumigen Place du Midi, das nach langer Vernachlässigung jetzt neu auflebende Bahnhofareal, all dies wächst nun aus puzzleartigem Stückwerk zusammen zu einem imposanten städtebaulichen Gesamten.

Sitten hat ein städtisches Gesicht. Die Kantonshauptstadt lebt und vibriert gerade im Kulturellen im Rhythmus einer facettenreichen Musik- und Kleinkunstszene. Die eher betulich-verschlafene Beamtenstadt hat sich zu einer lebhaften kleinen Alpenmetropole gemausert; sie braucht kaum einen Vergleich zu scheuen.

Sogar in der Altstadt, von dusteren kirchlichen Trutzbauten und den Ruinen weltlich-kirchlichen Machtanspruchs dominiert, finden sich immer wieder überraschende und erfrischende architektonische Akzente. Sie stehen für das reizvolle Spannungsfeld zwischen gewagtem Neuem und alter Substanz; es ist jene Mischung, die bei einer Bootsfahrt auf der Themse in London erstaunt und begeistert. Sitten hat nicht ganz ein Jahrzehnt gebraucht, um den öffentlichen Raum mit seinen ausgedehnten Plätzen und Strassenzügen in vorbildlicher Manier neu zu gestalten.

Der Wakker-Preis wird dem neuerungsfreudigen Präsidenten Marcel Maurer und seinem Stadtrat neben Ehre noch mehr Ermutigung und Ansporn sein. Sie werden den Weg zu baulicher Verdichtung und zu raumplanerischer Konzentration der Siedlungsfläche mit der Auszeichnung im Rücken konsequent weitergehen. Sitten wird zum Synonym für urbane Lebensqualität.

Luzius Theler, Sitten

 

NZZ, 23.1.2013, Der Lohn der Urbanität, Luzius Theler