Auch Nordfassaden liefern Strom

Energieexperten, Architekten und Gebäudetechnikingenieure diskutierten an der Fachtagung der SIA-Berufsgruppe Technik über die Zukunft der Solarenergienutzung in der Architektur. Besonderes Augenmerk lag auf den neuen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich.

Die Energiestrategie 2050 des Bundes setzt auf eine verstärkte eigene Energieerzeugung der Gebäude. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Energiegewinnung auf Dach und Fassade zu. Dieses Thema stand im Fokus der von der SIA-Berufsgruppe Technik initiierten Fachtagung Die Sonne in der Planung, die am 23. September 2014 an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz stattfand.

So sehen die im Entwurf vorliegenden neuen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) vor, Bauherren in die Pflicht zu nehmen, damit sich Gebäude fortan vermehrt selbst mit Wärme und Strom versorgen. Werden die MuKEn wie geplant umgesetzt, sollen in nächster Zukunft pro Quadratmeter Energiebezugsfläche Photovoltaik-Äquivalente mit einer Leistung von 10 W auf Dächern oder Fassaden von Neubauten montiert werden. Die nicht von allen als gestalterische Bereicherung wahr genommene Photovoltaik wird also obligatorisch. Die Tagung sollte aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, welche Konsequenzen das für Gebäudetechnikplaner, Architekten und Bauherren haben wird.

Erstaunlicherweise waren die meisten Teilnehmer den geplanten Regelungen der MuKEn gegenüber positiv eingestellt. Sogar aus Sicht der zahlreich erschienenen Architekten, bei denen am ehesten mit Widerstand zu rechnen war, überwiegen die Vorteile. Architekt Beat Kämpfen (kämpfen für architektur) geht davon aus, dass in naher Zukunft bei den Gebäuden eine ähnliche Entwicklung stattfindet wie heute schon bei Taschenrechnern, bei denen es inzwischen nur noch solar betriebene Modelle gibt.

«Die riesengrosse Gebäudehülle wird uns in Zukunft nicht mehr nur vor Witterung schützen, sondern auch Energie produzieren.» Das werde dazu führen, dass sich der jüngst zu beobachtende Trend zur Minimierung der Gebäudeoberfläche umkehre – denn je grösser die Hülle, desto mehr Energie könne sie produzieren. Die grosse technische Herausforderung liege indes darin, die im Sommer gewonnene Energie zu speichern, um im Winter davon zu zehren.

Achim Geissler, der an der Fachhochschule Nordwestschweiz lehrt, hob hervor, dass sich mit zunehmendem Wirkungsgrad der Photovoltaikmodule bei immer tieferen Modulpreisen ganz neue Perspektiven für die energetische Nutzung der Gebäudehülle ergeben: «Bei einer Stromausbeute von 70 % an einer Südfassade erziele ich an einer Nordfassade noch immer 30 %», erklärt Geissler. «Berücksichtigt man den Preisverfall bei den Modulen, dann liegen die Beschaffungskosten für Strom aus einer Nordfassade heute so hoch wie vor acht Jahren der Strom aus einer optimal ausgerichteten Anlage auf einem Dach.»

Auch thermische Solarnutzung hat Zukunft

Obschon das grosse Augenmerk aktuell auf der Photovoltaik liegt, ist der als Pionier der thermischen Solarnutzung bekannte Unternehmer Josef Jenni überzeugt, dass die thermische Solarenergienutzung keineswegs ins Hintertreffen gerät. Am Ende seines Workshops zur thermischen Solarnutzung stand die Einschätzung, dass der Zukunft der solaren Wärme nichts im Weg steht. «Photovoltaik ist zwar variabler nutzbar und dadurch eine grosse Konkurrenz zur solaren Wärme», so Josef Jenni.

«Der Wirkungsgrad Letzterer ist jedoch deutlich höher, und dank der Speicherbarkeit von Wärme können voll versorgte eigenständige Systeme gebaut werden.» Solche Systeme bedürfen qualifizierter Planung: «Es ist anspruchsvoller, eine thermische Solaranlage sachgerecht zu installieren als eine Photovoltaik- Anlage», erklärt Jenni. Er sieht daher im Installationsgewerbe einen grossen Bedarf an motivierten Fachkräften, die mit der Technik gut vertraut sind.

Suffizienz, also eine Politik der bewussten Selbstbegrenzung in der Ressourcennutzung, stand im Mittelpunkt der von Beat Kämpfen und Christian Blaser (Blaser Architekten) geleiteten Architekturworkshops. Eine spontane Befragung der Workshopteilnehmer ergab, dass diese durchschnittlich auf 50 m2 Fläche wohnen. Die Hälfte von ihnen kann sich zudem vorstellen, im Winter weniger Raum zu beanspruchen als im Sommer.

Mit Blick auf die Energieoptimierung von Gebäuden könne man zwar, so Architekt Blaser, mit technischen Mitteln die letzten 20 % weiter optimieren, jedoch hat man durch Verzichtsmassnahmen Einfluss auf die ersten 80 %. Daher sollten in der Planung die Fragen flexibler Raumnutzung vorangestellt werden, weil man durch Verzicht den viel grösseren Einfluss auf seine Energiebilanz hat, als dies technischen Optimierungen erlauben.

Die Tagung endete mit einem Vortrag von Daniela Bomatter, Geschäftsführerin von Energie- Schweiz, zur Bedeutung der Gebäudehülle für die Energiewende. «In Zukunft wird der Gebäudeenergieausweis der Kantone (GEAK) eine tragende Rolle spielen.» Beispiele aus den Kantonen Bern und Freiburg zeigten, dass es heute schon möglich sei, bei Handänderung oder Förderung ein GEAK-Obligatorium zu verlangen. Bei der Förderung gehe der Ansatz dahin, das Augenmerk nicht mehr auf einzelne Massnahmen an einem Gebäude zu richten, sondern darauf hinzu arbeiten, dass es um eine gewisse Anzahl GEAKKlassen aufsteigt. Neben der engen Zusammenarbeit mit der SIA-Kommission für Gebäudetechnik und Energienormen (KGE) unterstrich Bomatter die Bedeutung der gemeinsam von Bundesrätin Doris Leuthard und Stefan Cadosch im Januar angekündigten Bildungsinitiative.

 

Luca Pirovino ist Verantwortlicher Energie des SIA, luca.pirovino(at)sia.ch

Frank Peter Jäger ist Redaktor der SIA-Seiten, frank.jaeger(at)sia.ch

sanu, Präsentationen der Fachtagung Sonne in der Planung