11.09.2009
Über den Tellerrand hinausblicken
Der Kulturtag 2009 des SIA hätte heute in Lausanne stattgefunden. Das vielfältige Programm zum Thema Bewegung versprach abwechslungsreiche Darbietungen und einen fächerübergreifenden Diskurs. Für einmal vorweg sei allen, die sich mit grossem Engagement an der Vorbereitung beteiligt haben, herzlich gedankt! Wie bereits kommuniziert (u.a. in TEC21 27-28/2009) musste der Kulturtag aber von der Direktion abgesagt werden. Hauptgrund waren die gerade mal 110 Anmeldungen, was einer Quote von 0.8% der Mitglieder des SIA entspricht. Aufgrund der Erfahrungen mit bisherigen Kulturtagen musste damit gerechnet werden, dass sich diese Zahl bis zum 11. September in etwa noch verdoppelt hätte, was für eine Durchführung noch immer nicht gereicht hätte. Bei dem für den Vorabend des Kulturtages geplanten Ball waren es sogar nur 25 Einschreibungen oder 0.2%. Enttäuschend waren auch die Anmeldungen aus den Vorständen der Berufsgruppen, Sektionen und Fachvereine - es waren deren 9 - sowie der Anteil bestellter Billette aus der Romandie. Mit 30?% lag dieser, entgegen den Erwartungen, mitnichten höher als sonst. Die spontanen Reaktionen auf die Absage zeigten zwar Verständnis für den Entscheid der Direktion. Die Ernüchterung ob der nötigen Absage bleibt aber bestehen.
Eine Umfrage unter rund 100 Besuchern der vergangenen zwei Kulturtage, die sich allesamt diesmal nicht angemeldet hatten, zeigte, dass der Anlass an sich von mehr als zwei Dritteln gutgeheissen wurde. Für keinen von ihnen waren die momentan missliche Wirtschaftslage und auch nur für 29% die weite Anreise ein Grund zum Fernbleiben. Auch der Preis war für über zwei Drittel der Befragten nicht der Rede wert und noch weniger die Lokalitäten, die ebenfalls von 70% als attraktiv bezeichnet wurden. Ausnahmslos alle gaben an, vom Kulturtag gewusst zu haben. Das Thema fanden 71% interessant, das Programm allerdings nur die Hälfte. Die Gestaltung der Kommunikationsmittel fanden ebenfalls nur 43% ansprechend. Am meisten in Frage gestellt wurde mit rund 70% der Ball. Allerdings war das für niemanden ein Grund dafür, an dem tags darauf stattfindenden Kulturtag nicht teilzunehmen. Bleibt als Hauptargument gegen eine Teilnahme also das Programm, in dem sich keine "grossen Namen" befunden hätten, so zumindest merkten 64% der Befragten an.
Tatsächlich waren zum Beispiel mit Jojo Mayer, der als der schnellste Schlagzeugspieler der Welt gilt, oder dem Theaterregisseur und Ehrengast am diesjährigen Filmfestival in Locarno, Pippo Delbono, Kulturschaffende aus der ersten Liga im Programm vertreten. Sie und viele andere Gäste aus Kultur, Wissenschaft und Forschung hätten sich im Rahmen des Kulturtages gerne aus ihrem Blickwinkel mit dem Thema Bewegung auseinandergesetzt. Und tatsächlich wurde das Programm bei anderen Schweizer Kulturschaffenden von Rang und Namen positiv aufgenommen. Zum Beispiel liess Dieter Meier - Querdenker, ehemaliger Frontmann der Band Yello und heute, neben vielen anderen Interessen, passionierter Rinderzüchter und Beizer - das Plakat an prominentester Stelle in seinem Zürcher Restaurant aufhängen. Weshalb das Programm ausgerechnet die SIA-Mitglieder nicht zu begeistern vermochte, können wir bis heute nicht schlüssig beantworten. Es liegt aber die Vermutung nahe, dass Kultur - wie auch immer sie diese definieren mögen - von vielen unserer Mitglieder nicht als sonderlich wichtig oder, wie vereinzelte Reaktionen auch tatsächlich zeigten, als blosses "nice to have" und zu weit weg von der täglichen Arbeit erachtet wird. Wenn dem tatsächlich so ist, dann muss das bedenklich stimmen. Denn gerade als Hauptakteure in der Gestaltung des Lebensraumes ist es eine unserer Aufgaben, immer wieder nach Lösungen zu suchen, die über das hinausgehen, was die Situation auf den ersten Blick erfordert. Dieser Prozess beginnt mit dem Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, dem Loslassen vertrauter Sichtweisen, dem Zulassen neuer Interpretationen und dem kultur- und disziplinübergreifenden Dialog. Am Kulturtag wäre das zu erleben gewesen. Nun hat er nicht stattgefunden, und nachtrauern hilft auch nicht weiter. Das Warum sollte uns aber beschäftigen.
Thomas Müller, Architekt und Leiter PR/Kommunikation SIA
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