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News



20.02.2009

Ein Museum für die Ingenieurbaukunst


Die Berufsgruppe Ingenieurbau im SIA und die Gesellschaft für Ingenieurbaukunst haben gemeinsam die Initiative ergriffen, um eine gesellschaftliche Debatte über ein Schweizerisches Museum für Ingenieurbaukunst zu starten. Mit dem folgenden Text hatte die Autorin zuvor begründet, weshalb die Schweiz ein hochrangiges Museum für Ingenieurbaukunst braucht. Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) hat die Idee bereits aufgegriffen und den Artikel "Künstler ohne Museum" von Urs Steiner am 29. Januar 2009 veröffentlicht.

Erst Pionierleistungen der Ingenieurbaukunst haben die Voraussetzungen für die umfassende Erschliessung der Schweizer Bergwelt zu landwirtschaftlichen und touristischen Zwecken geschaffen. Die so entstandene Kulturlandschaft prägt das Bild der Schweiz bis heute. Die moderne Schweiz wäre ohne den Glacier-Express nicht denkbar, ebenso wenig wie das Jungfraujoch ohne die Jungfraubahn und die Landschaft Albula?/Bernina ohne die Albula-Bernina-Linie. Der "Lebensraum Alpen und seine Charakteristika, die aus dem Zusammenspiel von Natur und Mensch entstanden sind", bilden eines von insgesamt 14 Kernelementen, die bei der offiziellen Kommunikation über die Schweiz im Vordergrund stehen. So möchte es jedenfalls Präsenz Schweiz, das "Kompetenzzentrum für die Wahrnehmung der Schweiz im Ausland".

Waisenkind Ingenieurbaukunst

Doch wie sieht es mit der Wahrnehmung der Ingenieurbaukunst in der Schweiz selbst aus? Ein Blick in die Museumslandschaft sorgt schnell für Ernüchterung. Das Museum für Ingenieurbaukunst im wiederaufgebauten Hänggiturm in Ennenda bei Glarus musste bereits nach einem Jahrzehnt wieder schliessen. Seit seiner Eröffnung 1994 sind sieben Ausstellungen entstanden über den Betonvirtuosen Robert Maillart, historische Alpendurchstiche, den Brückenbauer Christian Menn, Wasserkraft, Eisenbahnbrücken, Flussbau und die Neat. Die Ausstellungen sind auf Initiative der Gesellschaft für Ingenieurbaukunst und mit Unterstützung privater Sponsoren an vielen Orten der Schweiz und im europäischen Ausland zu sehen gewesen, vornehmlich an Hochschulen mit technischem Schwerpunkt, aber zum Beispiel auch im Deutschen Museum München. Stationen wie diese belegen, dass die Schweizer Ingenieurbaukunst auch international eine hohe Wertschätzung geniesst. So weit, so gut. Doch gemessen an der hohen Museumsdichte in der Schweiz mit vielen grossen Museen von internationalem Rang ist die Ingenieurbaukunst hierzulande ein Waisenkind. Die vorhandenen Ausstellungen sind kaum hoch genug zu bewerten. Doch an der Palette klassischer Museumsaufgaben und den gewachsenen Museumsaufgaben der Gegenwart lassen sie sich kaum messen.

Kulturelle Wertschätzung

Neben der Präsentation von Beständen gehören das Sammeln und Bewahren einerseits, die Forschung und Information andererseits zu den grundlegenden Aufgaben eines Museums. Um breitere und unterschiedlichere Zuschauergruppen anzusprechen, sind in den letzten Jahrzehnten ausserdem die museumspädagogischen Angebote massiv ausgebaut worden. All dies können Ausstellungsleihgaben allenfalls ansatzweise leisten. Auch wenn Museen heute längst kein Hort der Hochkultur mehr sind, wirken sie bei aller Popularisierung nach wie vor als Stätten des gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozesses. Anders formuliert: Was als wichtig für die kulturelle Identität und die kulturelle Überlieferung gilt, wird auf der Bühne Museum verhandelt. Was kein Museum oder eine andere institutionalisierte Aufführungsstätte hat, zählt kulturell nichts. Zum Vergleich: Der französische Staatspräsident Sarkozy hat im September 2007 mit der Cité de l'Architecture & du Patrimoine das grösste Architekturmuseum der Welt eröffnet. Die Republik inszeniert sich nun auf 22000 Quadratmetern als Architekturnation. An den Kosten beteiligte sich das staatliche Kulturministerium mit 78 Millionen Euro. Frankreich ist längst nicht das einzige Land in Europa, das massiv in eine Stätte publikumswirksamer Architekturvermittlung investiert. Das Niederländische Architekturinstitut in Rotterdam zum Beispiel macht bereits seit Jahren als Museum, Archiv, Bibliothek und Bildungszentrum international von sich reden.

Zeichen setzen

Es ist höchste Zeit, dass sich die Schweiz angesichts solcher Vorbilder auf ihre eigene Stärke als Nation der Ingenieurbaukunst besinnt. Auch in der internationalen Konkurrenz der Städte, in der die Museen eine immer wichtigere Rolle spielen, könnte ein hochrangiges Museum für Ingenieurbaukunst eine wichtige Rolle spielen. Nachdem der Versuch, mit spektakulären Gebäudehüllen internationale Aufmerksamkeit zu erregen, spätestens seit Bilbao keine Einzigartigkeit mehr verspricht, ist die Zeit reif für eine Profilierung mit unverwechselbaren Inhalten. Das skizzierte Museum dürfte sich allerdings nicht vornehmlich als technisches Museum verstehen. Ein solches Museum müsste den kulturellen Wert der Ingenieurbaukunst herausstellen, die gesellschaftlichen Herausforderungen und Auseinandersetzungen aufzeigen, in deren Kontext Ingenieurbauwerke entstehen, und dürfte sich auch nicht scheuen, nach Ingenieurbaukunst als Kunst, mithin als Form, zu fragen. Ein hochrangiges Museum für Ingenieurbaukunst wäre aber nicht nur ein schlüssiger Werbeträger nach aussen, sondern auch ein wichtiges Zeichen nach innen. Wenn die Schweiz von morgen ein Land der Pioniere bleiben will, muss sie den Leistungen der Bauingenieure einen Wert geben.

Claudia Schwalfenberg, Geschäftsführerin der Berufsgruppe Ingenieurbau im SIA

Meinungen

Der Artikel "Künstler ohne Museum" in der NZZ hat bereits vielfältige Reaktionen ausgelöst. Was halten Sie von der Idee eines Museums für Ingenieurbaukunst? Was sollte es Ihrer Ansicht nach leisten? Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte für die Realisierung? Schreiben Sie an claudia.schwalfenberg@sia.ch