03.03.2008
Gefragte Generalisten
An der ersten Direktionsklausur dieses Jahres standen die Themen Energie im Bau, zivilisatorische Herausforderungen und der Umgang mit Naturgefahren im Vordergrund. Eines zeigten die Diskussionen deutlich: Fachleute und ihre Fähigkeit für übergeordnetes und vernetztes Denken sind unerlässlich.
An ihrer ersten Klausur vom 1. und 2. Februar 2008 in der Kulturgarage Solothurn überprüfte die Direktion des SIA den Fortgang ihrer Schwerpunktgeschäfte, legte weitere Schritte fest und definierte neuen Handlungsbedarf. Der Klimawandel, die Reduktion des Energieverbrauchs und die sichere und nachhaltige Versorgung mit Energie sind drei zentrale Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren stellen muss. Der Gebäudepark der Schweiz spielt dabei eine Hauptrolle, brauchen wir doch in der Schweiz gegen 50 Prozent des gesamten Energiebedarfs für die Erstellung, den Betrieb und den Unterhalt der Bauwerke. Ingenieure und Architekten sind die planerischen Vordenker des Bauwerkes und damit die wichtigsten Akteure, um die Botschaft zum effizienten Umgang mit Energie zu überbringen. Damit steht der SIA in der Verantwortung, als Schrittmacher den Prozess der Transformation des Bauwerkes Schweiz hin zu einem nachhaltigen System zu fördern. Die Innovationskraft der Schweizer Planungs- und Bauindustrie, an der sich Politik, Wirtschaft und Bauträgerschaften orientieren, soll gestärkt werden. Für die Steuerung dieser nicht einfachen Aufgabe konnte Peter Richner, Direktionsmitglied der EMPA und Leiter des dortigen Bau- und Ingenieurwesens, gewonnen werden. Mit ihm will der SIA sein bestehendes aber veraltetes Energieleitbild aus dem Jahre 1993 überarbeiten und das Normen- und Regelwerk aktualisieren. Die Energieverbrauchsvorgaben sind nach Meinung Richners wesentlich zu hoch angesetzt. Da die grosse Herausforderung vor allem die Erneuerung des Gebäude-Bestandes darstellt sei es nötig, für die zukunftsgerechte Sanierung weitere Normen und Richtlinien zu formulieren. Die ganzheitliche und vernetzte Betrachtung der Problemstellungen ist dabei eine entscheidende Vorraussetzung. Eines der Ziele der Direktion ist ein "Gebäudeenergieausweis-SIA", der als Mass aller Neu- und Erneuerungsbautätigkeit zur Anwendung kommt. Flankierend müsse der SIA gezielt Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten und nach Richner seine Ansichten noch aktiver in den politischen und öffentlichen Meinungsbildungsprozess einbringen.
Bildungspolitische Präsenz
Bereits vor einem Jahr stellte die Direktion fest, dass der SIA in der Vergangenheit wegen fehlender Grundlagen zu bildungspolitischen Fragen häufig nur improvisiert, durch kurzfristig zusammengestellte Arbeitsgruppen oder sogar Einzelpersonen Stellung nehmen konnte. Ein durch die Bildungskommission erarbeitetes Positionspapier ist zwar vorhanden, doch es liefert im Detail zu unklare Vorgaben. Eine Arbeitsgruppe hat sich dem Thema angenommen und in Zusammenarbeit mit den Berufsgruppen, erste Berufsbilder entworfen. Diese sind aber noch lückenhaft und werden vervollständigt. Auf deren Basis entwirft die Bildungskommission ein neues Positionspapier. Das Positionspapier soll anschliessend Grundlage für die bildungspolitischen Interventionen des SIA in Politik, bei den Schulen, dem Gesetzgeber und gegenüber den Medien sein. Das übergeordnete Ziel ist dabei, das Ansehen der Planerberufe zu stärken und die Kompetenz nachfolgender Generationen von Architekten und Ingenieuren den Bedürfnissen der Branche anzupassen.
Allgemeine Bedingungen Bauarbeiten
In einer intensiven Diskussion debattierte die Direktion im Beisein verschiedener Experten erneut über die Weiterentwicklung oder Neuorientierung der Allgemeinen Bedingungen Bauarbeiten (ABB). Auch wenn die Option eines gänzlichen Verzichtes auf die ABB offen besprochen wurde, scheint diese ausser Frage zu stehen. Nach den Worten von Daniel Gerber, Mitwirkender bei der Neuausrichtung, haben die ABB durchaus ihre Berechtigung. Sie vereinfachten die Vertragsgestaltung des Planers mit den Unternehmern erheblich. Demgegenüber sieht Peter Rechsteiner als Vertreter der Jurisprudenz vor allem eine Gefahr darin, dass dem Planer mit den ABB noch mehr Aufgaben aufgebürdet werden, die eigentlich Sache des Bauherren sind. Da dieser aber meistens, aufgrund fehlender Sachverständnis, nicht in der Lage sei, die Aufgaben auch wahrzunehmen, delegiere er sie an den Planer. Im Grundsatz entschied sich die Direktion für eine Reduktion der Anzahl an ABB sowie für deren inhaltliche Straffung. In Zukunft sollen nur noch in wohlbegründeten Fällen ABB erarbeitet werden und die in allen ABB gleich lautende Präambel in die SIA 118 integriert werden.
Überreglementierungen
Eine von Vertretern der Berufsgruppe Boden/Wasser/Luft des SIA erhobene Umfrage zu Erfahrungen im planerischen Umgang mit Naturgefahren hat ergeben, dass SIA-Fachpersonen, insbesondere Raumplanungsfachleute, immer häufiger mit solchen Fragen konfrontiert sind. Genannt wurden vor allem Hochwasser, Erdbewegungen, Permafrost und Lawinen. Die Herausforderung besteht insbesondere darin, wie man gestalterisch, technisch, sozial und wirtschaftlich darauf reagiert. Mit anderen Worten ist auch hier verantwortungsvolles Handeln und die ganzheitliche und vernetzte Betrachtung der Problemstellungen von entscheidender Bedeutung. Mit der Nutzungsvereinbarung, wie sie Bauingenieure im Bereich der Tragwerksplanung häufig und erfolgreich anwenden, wird genau dies getan. Die Nutzungsvereinbarung soll daher breiter und auch in anderen Disziplinen angewendet werden. Vertreter der Politik forderten dagegen immer höhere Sicherheitsstandards, worauf die Behörden mit einer unübersehbaren Flut von Reglementierungen aller Art reagieren. Deren Anzahl sei mittlerweile so gross, dass kaum mehr ein Überblick möglich sei und sich einzelne Reglementierungen sogar widersprächen. Die einzelnen Merkblätter seien zudem immer nur Optimierungen von Teilaspekten, bei denen viele andere Systemkomponenten ausgeblendet würden. Einmal mehr ist also das Wissen und die Verantwortung von Fachpersonen gefragt, die alle relevanten Einflussgrössen in die Überlegungen miteinbeziehen und intelligent miteinander verknüpfen.
Lohnendes Engagement
Die einzelnen Dienstleistungen von SIA-Service entwickeln sich erfreulich, was sich unter anderem auch in der Anzahl der Firmenmitgliederzahlen zeigt. Erstmals seit langer Zeit befinden sich Aus- und Eintritte wieder fast im Gleichgewicht, womit dem Trend der abnehmenden Firmenmitgliederzahlen effektiv entgegengewirkt wurde. Berücksichtigt man ausserdem noch die etwa 45 pendenten Beitrittsgesuche aus dem letzten Jahr, dann sieht die Bilanz sogar äusserst positiv aus. Firmenauflösungen oder Fusionen sind heute meist der Grund für den Austritt und nicht mehr die angeblich ungenügende Leistung des SIA. Alles in allem ist die Situation also erfreulich, und das Engagement des SIA für Firmenmitglieder zeigt seine erhoffte Wirkung. Die grosse Anzahl offener Gesuche lässt aber trotzdem aufhorchen: Die Direktion will umgehend Massnahmen zur Beschleunigung der Eintrittsgesuche nicht nur für eine Firmen- sondern auch die Einzelmitgliedschaft prüfen.
Thomas Müller, Leiter PR/Kommunikation SIA
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