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News



22.10.2007

Ende des dualen Bildungssystems


Die Feststellungen an der Podiumsdiskussion Education Bolognese? Bildungsreform und intellektuelle Dienstleistung im September gehen in eine Richtung: Die Bolognareform vermag nach wie vor nicht zu überzeugen. Zudem ist das bewährte duale Bildungssystem der Schweiz - eine Aufteilung in zwei Ausbildungsstränge mit der berufsbezogenen Fachhochschule auf der einen und der akademischen Hochschule auf der anderen Seite - nicht mehr existent. Es dominieren Rankingwettkämpfe unter den Schulen aber die Qualität der Ausbildung leidet, und für die Wirtschaft wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Arbeitkräfte zu finden.

Andrea Deplazes, SIA Direktionsmitglied und Vorsteher des Departementes für Architektur an der ETH in Zürich, meinte, die Bolognareform sei ein interessanter Ansatz, und sie habe Vorteile wie zum Beispiel die erleichterte Mobilität der Studierenden. Ausserdem habe die Bolognareform dazu geführt, das Ausbildungssystem der Schweiz kritisch zu hinterfragen. Die Reform sei aber weder gut durchdacht noch wirklich zu Ende überlegt. Dies falle nun den Schulen zu, und führe zu unkoordinierten Programmen.

Falsche Bewertung

Deplazes kritisierte auch das vorgegebene Bewertungssystem der Studierenden nach Kreditpunkten sowie den Wettkampf um Quoten unter den Schulen. Letztere messen sich heute unter anderem daran, wie viele Studenten sie ausbilden. Die entscheidende Frage nach der tatsächlichen Qualität der Schulen und der durch sie vermittelten Lehre werde damit aber nicht beantwortet.

Potentiale

Stefan Bieri, Präsident der eidgenössischen Fachhochschulkommission, gestand ein, dass es ein gewisses Profilierungsproblem unter den Schulen gibt. Trotzdem sieht er ein Potential in der Bolognareform, sofern sie richtig umgesetzt wird. Die Frage besteht seiner Meinung aber, ob dies Sache der Hochschulen sei. Bieri meinte auch, dass gewisse Probleme aus der falschen Herangehensweise entstünden: Herkömmliche Diplomstudiengänge dürften nicht bloss restrukturiert werden. Es müssten neue, gestufte Studiengänge konzipiert werden.

Sicherung der Qualität

Die Vertreter der Hochschulen wehrten sich gegen den Vorwurf der falschen Herangehensweise. Daniel Kündig, Präsident des SIA, hat das Votum ausgesprochen, dass die Bolognareform für ihn in der Entwicklung und der Umsetzung einer bewährten Tradition in der Schweiz widerspricht: Sie untergrabe das duale System, dessen höchste Aufgabe es sei, wertfrei und ohne Gewichtung zwei Exzellenzen herauszubilden; eine berufsbezogene und eine akademische. Nur so könne die Qualität erreicht werden, die gebraucht würde, um einen zukunftsfähigen und nachhaltigen Lebensraum zu schaffen. Trotz ihrer Vorteile der Internationalität und Durchlässigkeit führe die Struktur des Bolognamodells mit dem Punktesystem, das zu sehr auf Quantität statt Qualität beruht, zu schwammigen Profilen, für welche nun die Bildungsinstitute und auch die Wirtschaft entsprechende Inhalte suchen müssten.

Erschwerte Rekrutierung

Grundsätzlich stellten sowohl Arthur Wettstein, CEO der Karl Steiner AG, als auch Dominik Courtin, Geschäftsleitungsmitglied des Ingenieurbüros Basler und Hofmann, fest, dass Sie zunehmend Mühe haben, geeignete Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Zur Umsetzung ihrer Projekte seien sie sowohl auf die System- und Konzeptorientierten ETH- oder Uni-Absolventen angewiesen, als auch auf die bezüglich Methoden und Umsetzung spezialisierten Fachhochschulabgänger. Heute fände aber eine Verwischung der unterschiedlichen Qualifikationen statt. Während man früher genau wusste, wer mit welcher Ausbildung was kann, müssten dies heute die Firmen oft selber, mit aufwendigen Assessments, feststellen.

Bachelor ist kein Ersatz

Dass sich die Schere zwischen der Qualifikation von Studienabgängern und den Bedürfnissen der Wirtschaft zunehmend öffnet, bestätige auch Daniel Kündig. Der SIA und insbesondere seine Firmenmitglieder stellten fest, dass es sorgfältig ausgebildete Fachleute nach wie vor brauchen würde, es sie aber immer weniger gäbe. Insbesondere der berufserfahrenen "Umsetzer", wie ihn die Fachhochschulen früher ausgebildet hätten, sei je länger je schwieriger zu finden. Das Argument der Reformer, dass diese wichtige Rolle in Zukunft die Leute mit Bachelorabschluss übernehmen, komme seiner Meinung nach nicht zum Tragen. Bachelorabgänger seien durch die vergleichsweise kurze Ausbildungsdauer nicht vollumfänglich berufsbefähigt.

Verdrängung der Lehre

Zur Qualitätssicherung brauche es gut ausgebildete Leute, sowohl an der ETH wie auch an den Fachhochschulen. Um diese Exzellenz aufzubauen seien differenzierte Lehr- und Lernpfade nötig, die bereits in der Mittelstufe beginnen müssten. In der Praxis seien einerseits konzeptionelle Denker nötig mit der Basis einer gymnasialen, humanistischen Ausbildung. Andererseits brauche es eine konstruktive Kompetenz, wobei diese Grundlage durch Lehre und Berufsschule gelegt würde. Heute besässen aber, sagte Kündig, drei Viertel der Fachhochschulstudenten in der Westschweiz eine Matura. Dies sei verhängnisvoll und untergrabe die einzigartige und bewährte Aus- und Weiterbildung, angefangen mit der Lehre. Dieser Verdrängungskampf der Lehrlinge sei leider eine logische Konsequenz eines Subventionssystems, das die Höhe der finanziellen Unterstützung von der Anzahl der Schüler abhängig macht.

Früher ansetzen

Sacha Menz, Präsident der SIA Sektion Zürich und Veranstalter der Podiumsdiskussion im Rahmen von Zwischen den Disziplinen ortet das Problem auch bereits auf Sekundar- und Gymnasialstufe. Schon dort werde seiner Meinung nach das Verständnis für das duale Ausbildungssystem verwischt. Arthur Wettstein bekräftigte dies und erwähnte die Maturaquote, mit welcher sich die Kantone untereinander messen. Mit dem Ziel, möglichst viele Maturanden zu haben, beginne die Unterwanderung oder sogar Abschaffung der Lehre aber die Wirtschaft brauche nach wie vor über eine Lehre ausgebildete und erfahrene Arbeitskräfte.

Thomas Müller, Leiter PR/Kommunikation SIA